Kurzgeschichte

Kurzgeschichte

 

 

 

Elternbesuch

Er drückt den Knopf mit der Drei, die Aufzugtür schließt sich, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sanft schwebt er nach oben. Auf dem Flur der Onkologischen schlägt ihm der typische Geruch von Desinfektionsmittel und Pisse entgegen. Er denkt wirklich Pisse und staunt, denn eigentlich gehört dieser Begriff nicht zu seinem Wortschatz. Zwei weiß gekleidete Nonnen begegnen ihm, Franziskanerinnen.
Er denkt an Schwester Burghild, die Stationsleiterin des kleinen Altenpflegeheimes, in dem er seinen Zivildienst leistete und muss lächeln, sie war ganz anders, als er sich Nonnen damals vorstellte, nicht übertrieben fromm, sondern eher von einer charmanten Lebensoffenheit geprägt. Damals wurde er zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert. Es traf ihn wie ein Schlag, als er morgens das Zimmer des alten Herrn Scholten betrat und ihn leblos im Bett vorfand, die Augen geöffnet, der Blick gebrochen. Und diese wächserne Blässe des Gesichtes, das war das Schlimmste, daran konnte er sich auch später nie gewöhnen. Der Tod war mehr als nur der große Bruder des Schlafes.

Nummer dreihundertzehn, hier liegt der Alte. Er zögert anzuklopfen. Was soll er sagen? Ihm die Hand geben? Einen Augenblick überlegt er ins Zimmer zu poltern, Grenzen missachtend, wie der Alte früher. Noch heute fühlt der Sohn Zorn, wenn er daran denkt. Aber er öffnet die Tür leise, schleicht fast, bricht nicht einfach ein in die Privatsphäre. Es dauert einen Augenblick, bis er sich in dem abgedunkelten Raum zurechtfindet. Das Bett steht am Fenster, die Vorhänge sind geschlossen, auf einem Tisch flackert eine Kerze, an der Decke hängt ein Fernseher. Seiner Mutter, am Krankenbett sitzend, schießen Tränen in die Augen. Sie streckt ihm die Arme entgegen, er geht auf sie zu, froh ein Ziel zu haben. Auf ihn wirft er nur einen schnellen Blick, konzentriert sich lieber auf das tränenüberströmte Gesicht der Mutter. Junge, dass du da bist, sagt sie, ich hatte schon nicht mehr mit dir gerechnet und küsst ihn, als er sich zu ihr hinunterbeugt. Sie riecht säuerlich aus dem Mund, sie riecht immer aus dem Mund, wenn es ihr schlecht geht. Ihr Gesicht ist grau, gezeichnet von einem Leben mit dem Alten. Er zieht einen Stuhl ans Bett und setzt sich neben sie. Wie es ihm gehe, will er wissen. Falsche Frage, schießt es ihm durch den Kopf, er liegt im Sterben, der Krebs hat ihn aufgefressen.
Jetzt, erst jetzt, riskiert er, ihn genauer anzusehen. Die blütenweiße Bettdecke, darauf seine Hände, übersät mit Altersflecken, die Fingernägel unsauber, wie es sich für einen Automechaniker gehört. Seine Augen sind geschlossen, den Sohn hat er noch gar nicht bemerkt. Der versteht sofort, sieht unerträglichen Schmerz, nur noch einen letzten Rest Leben. Er kann sich gar nicht mehr abwenden vom Todgeweihten, bemerkt die Bartstoppeln, erinnert sich, wie schwer es war, die faltigen Männergesichter zu rasieren, seine Hauptaufgabe damals als Zivildienstleistender während der morgendlichen Pflegerunde. An den Mundwinkeln des Alten kleben Speisereste, und da ist auch die Narbe an der linken Backe, als er sich in der Werkstatt an dem aufgebockten Auto verletzt hatte.
Die Tür öffnet sich, eine Krankenschwester betritt das Zimmer. Sie ist hübsch, er wundert sich, dass ihm das ausgerechnet hier auffällt. Sie kontrolliert das Atemgerät, in das der Alte hineinröchelt. Er kocht, hätte Schwester Burghild gesagt. So hört sich Sterben an.
Alles so weit in Ordnung, meint die junge Krankenschwester, und er schnuppert ihre Frische, sie duftet nach Zitrone. Brauchen Sie noch etwas? Auch ihre Stimme klingt frisch, herrlich unverbraucht, so lebendig. Die Schwester verlässt das Zimmer, er ist wieder allein mit dem säuerlich riechenden Atem seiner Mutter und den Geräuschen des Alten. Jetzt ist er wenigstens nüchtern, erlaubt er sich zu denken, denn meist hat er ihn besoffen erlebt, oder sollte er sagen betrunken? Nein, ein viel zu harmloses Wort, der Alte konnte nicht betrunken sein, dafür war er zu laut und zu bedrohlich.

Er hat schreckliche Schmerzen, sagt seine Mutter, die haben sie nie in den Griff bekommen. Nicht mal mehr seinen Schnaps will er trinken. Wenigstens etwas, rutscht es ihm heraus. Sie schüttelt tadelnd den Kopf, dann verlässt sie das Zimmer, will in den Klinikgarten, sich die Beine vertreten. Seine Bemerkung tut ihm leid, nicht seinetwegen, sondern ihretwegen. Schließlich ist er wegen seiner Mutter gekommen, er ist immer nur wegen seiner Mutter gekommen. Wenn sie ihn anrief, merkte er schon an ihrer Stimme, was los war. Oft hatte der Alte sie angebrüllt, nachdem er aus der Kneipe gekommen war, manchmal sogar geschlagen, es gelang ihr nie, ihn vom Weitertrinken abzuhalten. Dann machte der Sohn sich auf, um seiner Mutter beizustehen. Enttäuschung, Ohnmacht, rasenden Zorn, alles auf einmal spürte er, wenn sie ihm die Tür öffnete. Gleich würde er wieder in sein Gesicht sehen müssen, in dieses unsagbar leere, sich auflösende Alkoholikergesicht mit dem dümmlich offenstehenden Mund, aus dem der Speichel rann.
Wir müssen ihn ins Bett bringen, allein schaffe ich es nicht, sagte seine Mutter verzweifelt, und auch diese Verzweiflung brachte ihn auf. Schmeiß ihn endlich raus, tobte er, soll er auf der Straße vergammeln, es hat keinen Zweck mit ihm. Schließlich die Frage des Alten, der sich sogar auf seiner Wohnzimmercouch nur mühsam aufrecht halten konnte: Willst du was sagen? Armseliger ging es nicht mehr.  Dazu die ihm so verhasste Geste, wenn er mit der linken Hand grob sein Kinn rieb, um sich den Speichel abzuwischen. Obwohl der Sohn nie eine Antwort bekommen hatte, schrie er ihm jedes Mal dieselbe Frage ins Gesicht: Warum?

Hatten sie ihn ins Bett befördert, folgten die Abende mit seiner Mutter. Er saß noch nicht ganz, als sie schon zu reden begann. Sie konnte nicht aufhören, die Worte flossen ihr aus dem Mund.
Was er ihr nachts antat, wie sie ihn immer wieder unter dem Gespött der Saufkumpane aus der Kneipe holte, wie sehr sie sich dabei schämte, wie oft sie lügen musste, um ihm, dem Sohn und anderen zu verheimlichen, dass der Alte schon wieder besoffen war.
All das kannte er, schon unzählige Male hatte seine Mutter es ihm erzählt, beinahe in Verzweiflung ertrinkend. Lass mich in Ruhe, hätte er ihr am liebsten entgegengeschleudert, aber immer hörte er zu, bis sie schwieg.
Am nächsten Morgen, bevor er in die Werkstatt ging, saß der Alte am Frühstückstisch, das Gesicht wieder fest, er sprach mit sicherer Stimme und konnte sogar freundlich sein. Wie sehr hatte er als Kind gehofft, ihn auch am Abend nüchtern zu erleben, aber er wurde enttäuscht, immer. Ein Abend war wie der andere.

Jetzt öffnet der Alte die Augen, der Sohn beugt sich vor, ihm entgegen, greift auf einmal nach seiner Hand. Er spürt einen Kloß im Hals, nicht mehr lange, und er würde ohne Vater sein. Was ist mit mir? , fragt er sich und findet sich kaum zurecht in seinen Gefühlen, wird überschwemmt von einer Welle von Trauer und Verlustangst. Gleichzeitig ärgert er sich, schließlich glaubt er, Erfahrung im Umgang mit dem Tod zu haben, ist davon überzeugt, den Alten nicht zu vermissen. Wozu auch, er ist ein Säufer, ein Schläger. Aber plötzlich ist der Nachmittag aus seiner Kindheit wieder da, als er ihm sagte, der Hund sei überfahren worden, und er, der Sohn, sich in seinen Armen ausweinte.
Was sagt man einem Sterbenden, wie soll man ihn anfassen? Erst da bemerkt er, dass er ihn längst angefasst hat. Die Hand ist schmal und knochig, verschwindet fast in seiner. Sein Vater sieht ihn an, er hustet, ja, jetzt lächelt er sogar, oder bildet er sich das ein?
Kann ich was für dich tun, Papa? , fragt er und ist überrascht, wie warm seine Stimme klingt. Wo ist sein Zorn, sein Hass?
Ob er fernsehen wolle, flüstert der Sohn, denn es ist Sportschauzeit und die besten Momente hatte er mit seinem Vater beim Fußball. Er schaltet das Gerät ein, der Vater sagt nichts, der Sohn sagt nichts, es ist Schweigen zwischen ihnen, das war nicht immer schlecht und ist es auch jetzt nicht. Nur der Moderator spricht, verabschiedet sich zur Werbepause. Sein Vater hat die Augen wieder geschlossen, er sieht gar nicht hin. Warum auch, denkt der Sohn, ist doch nur Werbung, und er wünscht sich zurück in die Zeit, als eine Fußballsendung noch eine Fußballsendung und sein Vater ein richtiger Vater war.

Seine Mutter betritt wieder das Krankenzimmer, zusammen mit ihr harrt er weiter aus. Erst spät erhebt er sich, denn er hat noch zu tun, sein Leben geht weiter. Papa, ich komme wieder, sagt er. Wie schnell die Zeit an seinem Bett vergangen ist.

Abends, er ist zu Hause, klingelt das Telefon. Noch bevor er abgehoben hat, weiß er, es ist passiert. Der Alte hat sich aus dem Staub gemacht, ohne Abschied.