Weihnachtsgeschichte: Weiße Feder

Weihnachtsgeschichte: Weiße Feder

Von Mathias Meyer-Langenhoff

Es schneite, wie schwerfällige Nachtfalter taumelten dicke Flocken vom Himmel. Von seinem Bett aus konnte Jonas die Straßenlaterne sehen, die mit ihrem milchigen Schein nur schwach die Dunkelheit erleuchtete. Luzie, seine kleine Schwester, hatte sich in ihrem Bett wie ein kleiner Hund zusammengerollt. Er gähnte, eigentlich war es viel zu früh zum Aufstehen, aber Jonas konnte nicht mehr schlafen. Mama war schon längst aus dem Haus, denn seit Papas Tod arbeitete sie jeden Tag im Supermarkt, während Jonas in der Zeit auf Luzie aufpassen musste. Nur dumm, dass sie meist das genaue Gegenteil von dem tat, was man ihr sagte, sogar Mama hatte manchmal Schwierigkeiten mit ihr. Und dann war da noch die alte Hexe, die seit Kurzem in der Wohnung unter ihnen hauste. Sie sah  richtig unheimlich aus mit ihren langen, silbergrauen  Haaren, der Hakennase und der alten Decke, die sie über ihren Schultern trug. Jonas hatte noch nie so ein runzeliges Gesicht gesehen, und wenn er sie im Treppenhaus traf, grinste sie ein beinahe zahnloses Grinsen. Er stand auf und schlich leise in die Küche zu seinem Adventskalender, der über der Anrichte an der  Wand hing. Es war der Morgen des Heiligen Abend, heute konnte er das vierundzwanzigste Türchen öffnen. Plötzlich hörte Jonas von unten lautes Stampfen und einen merkwürdigen Singsang, vor Schreck wäre ihm beinahe der Kalender aus der Hand gefallen. Schon wieder die alte Hexe, was machte die nur? Schnell lief er zu Luzie zurück, er wollte jetzt nicht allein sein, aber sie schnarchte leise vor sich hin und nuckelte an ihrem Daumen. „Hey, Luzie, aufwachen“, flüsterte er, „Frühstück!“ Jonas schüttelte sie, bis sie endlich die Augen öffnete. „Lass mich in Ruhe“, knurrte Luzie. „Na gut“, dachte er, „ich kann auch anders“, packte ihr Federbett und zog es mit Schwung ans Fußende. Sie schrie wütend auf, er hatte jedoch vorsorglich Hugo mitgebracht, ihren zerzausten, grauen Stoffkater, den sie tagsüber niemals aus der Hand legte. Nachts musste er in der Küche bleiben, weil in ihrem Bett nur das Kuschelschwein Minna schlafen durfte.

Normalerweise hatte der Kater auf Luzie die Wirkung eines Weckers, und auch jetzt funktionierte es. „Guten Morgen Hugolein!“, rief sie, als sei nichts geschehen, strahlte ihren Bruder an und war hellwach. „Deine Sachen sind in der Küche, hat Mama gestern Abend auf die Heizung gelegt“, erinnerte er sie erleichtert. Von der alten Hexe war nichts mehr zu hören, die Kinder hatten sich jedoch gerade angezogen, da ging es wieder los. Jonas hielt sich die Ohren zu, aber Luzie hatte einen ihrer plötzlichen Einfälle. „Hörst du, Hugo? Das ist die Oma. Los, die gehen wir jetzt besuchen!“ Bevor er sie daran hindern konnte, war sie verschwunden. „Luzie“, raunte Jonas, während er ihr durch das schlecht beleuchtete Treppenhaus nachlief, „komm zurück!“ Vor der offenen Wohnungstür der Hexe blieb er stehen, erst jetzt fiel ihm auf, dass kein Laut mehr zu hören war. Hatte sie Luzie etwa schon in ihrer Gewalt? Sein Herz ihm bis zum Hals, zögernd betrat er den unbekannten, dunklen Flur und blieb im gleichen Moment wie vom Donner gerührt stehen. Er spürte, wie er am ganzen Leib zu zittern begann. Was war das? Ein Ungeheuer? Ein Riese? Alles in ihm drängte zur Flucht, zurück nach oben, sich verstecken, Mama anrufen, … aber er blieb, schließlich konnte er Luzie nicht einfach im Stich lassen. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, was ihn so erschreckt hatte: ein Marterpfahl mit einem grob geschnitzten, finsteren Gesicht, das ihn böse aus leeren Augenhöhlen anstarrte. Jonas pustete kräftig durch. Obwohl er Angst hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als in jedem Zimmer nach seiner Schwester zu suchen. Irgendwo musste sie schließlich sein. Mit feuchten Händen öffnete er die erste Tür. Nichts, er konnte nur ein leeres Bett erkennen. Er versuchte es bei der nächsten.

Aus diesem Raum schimmerte ihm flackerndes Licht entgegen, und er hörte jemanden sprechen: Erleichtert atmete Jonas auf, es war Luzie. Was nun? Fieberhaft zermarterte er sein Gehirn nach einem Befreiungsplan. Am besten schien ihm ein Überraschungsangriff zu sein. Er spannte jeden Muskel seines Körpers, lautlos zählte er bis drei. Dann riss er mit Gebrüll die Tür weit auf, sprang mit einem Satz ins Zimmer … um augenblicklich zur Salzsäule zu erstarren. Vor ihm erhob sich ein richtiges Indianerzelt. Der Eingang war offen und im Inneren saß Luzie mit der Hexe und aß genüsslich ein Butterbrot. Ihr Blick war auf einen Adventskranz mit vier brennenden Kerzen gerichtet. Die Alte sah auf. „Guten Morgen, Jonas. Da bist du ja endlich, wir haben schon auf dich gewartet.“ „Was, was … machen Sie mit meiner Schwester?“, stotterte Jonas. „Nichts. Sie frühstückt.“ „Schmeckt voll lecker, für dich ist auch was da, Käsebrot und Kakao“, sagte Luzie schmatzend und trank aus einer großen, roten Tasse mit weißen Punkten. Anschließend leckte sie sich die Lippen wie ein kleines Kätzchen. „Komm, nimm Platz, Junge, du bist wirklich herzlich eingeladen“, sagte die Alte erneut. Einen Augenblick zögerte er, aber dann setzte sich Jonas dazu und nahm das Käsebrot, das seine Schwester ihm entgegenstreckte. Ob es vergiftet war? Nach kurzem Zögern biss er ab. Es schmeckte weder bitter, noch bekam er Bauchschmerzen, das Brot schien also in Ordnung zu sein. Verstohlen betrachtete er die alte Frau jetzt genauer. Sie hatte nicht nur eine freundliche Stimme, sondern auch gütige Augen. „Echt lecker“, sagte Jonas. „Sind Sie Indianerin?“ Sie lächelte kurz, um gleich wieder ernst zu werden. „Nein, allerdings war ich lange mit einem verheiratet, er hieß Springendes Pferd und gehörte zum Stamm der Apachen. Ich nannte ihn einfach Hans. Wir waren über zwanzig Jahre zusammen und hatten eine wunderschöne Zeit in Amerika. Leider ist er kürzlich gestorben, deshalb bin ich nach Deutschland zu meiner Familie zurückgekehrt.“ Jonas und Luzie horchten auf, sie hatte also auch jemanden verloren. „Es hat jedoch niemand Zeit für mich“, fügte die alte Frau mit leiser Stimme hinzu, „und wenn ich mich einsam fühle, tröste ich mich mit Tanzen und singe meine Lieder.“

„Sie heißt Weiße Feder“, erklärte Luzie stolz. „Stimmt, so haben mich die Indianer genannt. Mein richtiger Name ist Hermine Lehmann.“ „Dürfen wir Oma Lehmann zu dir sagen?“, wollte Luzie wissen. „Klar“, lächelte sie. „Übrigens tut es mir leid, wenn ich euch Angst eingejagt habe.“ „Macht nichts“, murmelte Jonas. Dann führte Oma Lehmann den Kindern den Indianertanz noch einmal vor, sang und erzählte von ihrem Leben bei den Apachen. Sie berichtete von wunderschönen Nächten am Lagerfeuer, langen Kanufahrten auf einem See, Ausritten auf kleinen, zähen Indianerponys und vielem mehr. Die Zeit verging wie im Fluge, so spannend waren ihre Geschichten. „Ich glaube, wir müssen jetzt gehen, Mama kommt gleich von der Arbeit, und wir wollen noch den Weihnachtsbaum schmücken“, meinte Jonas schließlich. „Du hast recht“, nickte Oma Lehmann und pustete die Kerzen aus. „Kommt ihr mich mal wieder besuchen?“ „Auf jeden Fall“, nickte er, „vielleicht schon heute Abend nach der Bescherung, wir bringen Mama mit.“  „Prima, ich freue mich“, antwortete sie und begleitete die Kinder zur Wohnungstür, „dann bis später.“ „Bis später, Oma Lehmann, und frohe Weihnachten.“

Die Dunkelheit war einem grauen Tag gewichen und die Stadt erschien seltsam leise, der Schnee hatte alle Geräusche geschluckt. Jonas spürte ein warmes Gefühl im Bauch, Weiße Feder war nett und die ungewöhnlichste Oma, die man sich vorstellen konnte. Vielleicht würde sie ihm und Luzie helfen, wenn Mama arbeiten war, und vielleicht konnte es trotz allem noch ein schönes Weihnachtsfest werden. Papa hätte sich bestimmt gefreut.