Leseprobe_Das Ungeheuer vom Vechtesee

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Im Freibad

„Jaaaaaaaaaaaa!!!“ Mit einem lauten Schrei sprang Wille vom Dreimeterbrett. Es sollte ein Kopfsprung werden, aber weil er irgendwie die Körperkontrolle verloren hatte, schlug er mit dem Bauch auf der Wasseroberfläche auf. Es fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit tausend Nadeln gepiekt und brannte wie Hölle. Prustend tauchte er wieder auf. Er schwamm langsam zurück an den Beckenrand und hoffte, dass nicht allzu viele seinen verunglückten Sprung gesehen hatten. Aber da hatte er sich getäuscht, ausgerechnet Patrick, Lars und Ole, die Idioten aus der Parallelklasse, standen am Beckenrand und applaudierten feixend. „Cooler Sprung, Wille. Wo hast du den denn gelernt? Sah aus wie ein Flugzeugabsturz, echt krass!“ Wille kletterte die Leiter am Beckenrand hoch und grinste verlegen, was blieb ihm anderes übrig.

Wille hieß eigentlich Gerwin Willering, aber alle nannten ihn Wille und darüber war er froh, denn sein Vorname gefiel ihm überhaupt nicht. „Bloß nicht mit denen reden“, dachte er, „ich gehe jetzt einfach vorbei und haue ab.“ Aber Andy Klompmaker, sein bester Freund, sah die Sache anders. Er hatte ebenfalls auf dem Dreier gestanden und war nach ihm gesprungen. „Was soll das, ihr Penner?“, schnauzte er die drei an, nachdem auch er aus dem Becken geklettert war. „Ich möchte euch mal sehen, ihr fallt wahrscheinlich wie nasse Säcke ins Wasser! Am besten ihr haltet die Schnauze und verpisst euch einfach!“ Drohend trat er auf sie zu und schüttelte seine ziemlich langen, nassen Haare aus, sodass die drei erschrocken zur Seite sprangen. „Wusste ich doch, ihr seid wasserscheu“, grinste er und ließ sie stehen, um Wille zu folgen.

Andy und Wille hatten sich in der ersten Klasse der Grundschule kennengelernt und waren seitdem beinahe unzertrennlich. Und das, obwohl sie ziemlich verschieden waren und Wille nach der vierten Klasse aufs Stadtring-Gymnasium und Andy zur Lupo-Schule gewechselt war. Beide wohnten in der Blanke, einem Stadtteil Nordhorns, über den vor allem manche Erwachsene gerne die Nase rümpften. Aber das sahen die beiden Freunde ganz anders. Sie waren stolz dort zu Hause zu sein und konnten sich überhaupt nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.

„Wie bescheuert sind die denn?“, meinte Andy kopfschüttelnd, nachdem sie ihre Decke erreicht und sich abgetrocknet hatten. „Was soll’s, am besten, gar nicht beachten“, antwortete Wille. „Nicht beachten? Nein, das geht gar nicht, die müssen wissen, wo der Hammer hängt!“ „Was ist los mit dir? Bist du schlecht drauf?“, wollte Wille wissen, den Andys Wut etwas nervte. Andy zuckte mit den Schultern. „Hier, willst du ein paar Chips?“ Wille reichte ihm die Tüte. Er hatte sie von seiner Mutter im Laden bekommen, sie war Geschäftsführerin in einem kleinen Supermarkt. „Also, was ist jetzt?“, hakte er noch einmal nach, weil Andy nichts sagte. „Mein Alter war mal wieder da, besoffen wie immer!“, knurrte Andy. „Wie ist er denn reingekommen? Er hat doch gar keinen Schlüssel mehr, oder?“ „Irgendein Idiot hat ihn unten reingelassen. Wahrscheinlich hat er wieder auf alle Klingeln gedrückt, bis jemand geöffnet hat. Und dann ist er mit dem Aufzug nach oben und stand vor der Wohnungstür.“ Andy und seine Mutter wohnten in dem Hochhaus in Nordhorn direkt am Nordhorn – Almelo Kanal. Eigentlich wohnten die beiden da gerne, seine Mutter, weil es nicht zu teuer war und Andy, weil sie ganz oben wohnten und einen super Blick über ganz Nordhorn hatten. „Und?“, wollte Wille wissen. „Und was?“ „Ist er in die Wohnung gekommen?“ Andy winkte ab. „Zum Glück nicht. Ich habe durch den Spion seine besoffene Fresse gesehen. Aber dann fing er an zu klopfen und immer wieder auf die Klingel zu drücken. Der hat voll Sturm geschellt, irgendwann hat er aufgegeben und ist wieder abgehauen.“ Wille schüttelte den Kopf. „Ihr müsst endlich die Polizei einschalten“, meinte er, „der ist doch saugefährlich für euch. Die können dem Hausverbot erteilen, dann darf er sich eurer Wohnung nicht mehr nähern.“ Andy lachte verächtlich. „Das wird ihn nicht davon abhalten. Mein Alter merkt doch nichts, wenn er besoffen ist.“ „Aber wenn ihr dann bei der Polizei anruft, können die ihn einlochen“, antwortete Wille, dessen Bauch langsam aufhörte zu brennen. Er setzte sich auf die Decke und griff noch einmal in die Chips-Tüte. Seine rotblonden Haare standen in alle Himmelsrichtungen, aber das sah er ja nicht. Überhaupt interessierte ihn sein Aussehen relativ wenig. Nicht mal sein über und über mit Sommersprossen bedecktes Gesicht störte ihn, obwohl die drei von eben sich auch in der Schule immer mal wieder gerne über ihn lustig machten. „Weißt du was?“, meinte er schließlich zu Andy, „lass uns abhauen, wir gehen zu uns und spielen noch etwas am PC. „Einverstanden Gerwin“, grinste Andy, weil er genau wusste, wie er seinen Freund ärgern konnte. Auch sein Vater nannte ihn so, denn Wille war nach seinem Großvater benannt worden, weil sein Vater seinen Opa besänftigen wollte. Der war nämlich lange Zeit ziemlich böse auf seinen Sohn, da er den Bauernhof in Brandlecht nicht übernommen und stattdessen eine kaufmännische Ausbildung gemacht hatte. Wille mochte zwar den Namen seines Opas nicht, aber dafür mochte er ihn sehr und liebte es in Brandlecht auf dem Bauernhof zu sein. Sein Opa führte ihn immer noch, obwohl er sich inzwischen längst zu alt dafür fühlte. „Sag mal, Jung“, hatte Opa ihn kürzlich gefragt, als er mal wieder bei ihm war, „kannst du mir jetzt endlich mal erklären, wie man mit einem Computer umgeht? Versprochen hast du mir das ja schon lange.“ „Klar, mach ich“, hatte Wille geantwortet und dann versucht ihn in die Geheimnisse einzuweihen. Wille war der totale Spezialist, schon mit acht Jahren hatte er den ersten PC bekommen und seitdem hielt er sich ständig auf dem Laufenden. Mit neuen Programmen kannte er sich schnell aus, und wenn seine Eltern ein PC-Problem hatten, war er der erste, den sie fragten.

„Was ist jetzt, gehen wir?“, fragte Wille Andy noch einmal. Der nickte. Also packten sie ihre Sachen, zogen sich an und verließen das Freibad. Patrick, Lars und Ole lagen in der Nähe der Umkleidekabinen auf dem Rasen, sodass sie auf den Weg zum Ausgang an ihnen vorbei mussten. „Haltet einfach die Klappe!“, knurrte Andy die drei Grinsegesichter an und setzte dazu seinen grimmigsten Blick auf. Tatsächlich trauten sie sich nichts zu sagen. Nachdem er und Wille in dem Fahrradmeer vor dem Freibad ihre Räder wiedergefunden hatten, fuhren sie langsam über die Bentheimer Straße und den Heideweg zu Wille nach Hause. Es war noch immer super heiß, obwohl es schon nach sechs Uhr war, trotzdem war auf dem Eintracht-Gelände Training der C-Jugend. Wille war froh, nicht mehr im Verein zu sein. Bis zur D-Jugend hatte er noch gespielt. Aber obwohl er schon bei den Mini-Kickern angefangen hatte, verlor er im Laufe der Zeit immer mehr die Lust auf Fußball und erst recht auf das regelmäßige Training. Vor allem kurz vor dem Übergang in die C-Jugend war der Druck immer größer geworden. Sein Trainer Mike Schuh ging ihm damals voll auf die Nerven, weil der immer wieder bei seinen Eltern angerufen hatte, um sie davon zu überzeugen, Wille in die Auswahlmannschaft zu schicken, aber zum Glück hatten sie ihm die Entscheidung überlassen. Jetzt empfand er für seine ehemaligen Mannschaftskameraden fast Mitleid. „Coole Sache, bei der Hitze zu trainieren“, grinste Andy, „gut, dass du Fußball geschmissen hast.“ Wille nickte.

Fünf Minuten später bogen sie in die Klarastraße ein, wo Willes Eltern ein Häuschen gekauft und nach und nach vergrößert und umgebaut hatten.